Wegerfahrung (franz. Routine)

Routine ist meist Fluch und Segen zugleich. Einerseits hilft sie, dem Hirn Energie zu sparen, auf der anderen Seite bedeutet Routine meist auch Alltag, Stagnation, Langeweile. Ohne Routine würde Autorfahren zum Martyrium, denken wir an unsere ersten Fahrversuche zurück und den Schweißfleck, den wir an der Rückenlehne des Fahrersitzes hinterlassen haben. Ohne Routine würden Arbeitsabläufe zur täglichen Geduldsprobe auf dem Weg zum Feierabend, der uns ob der Heimfahrt ebenso herausfordern würde wie die Zubereitung eines Abendessens.

Das jedoch wäre täglich gleich und damit bald so fad wie Küchenrolle mit Vinaigrette, würden wir routiniert nur das kochen, was wir können. Insoweit setzt Abwechslung im Leben auch das Wagnis neuer Wege, weit abseits von Routine und Gewohnheiten voraus. Verlasse ich aber gewohnte Wege, begebe ich mich auf unbekanntes Terrain und damit heraus aus einer mir vertrauten Umgebung. Der Energiebedarf des Hirns schießt in die Höhe und das signalisiert Alarm. Veränderung macht Angst.

Veränderung heißt aber auch ein sich Ändern von Umständen, deren Routine uns anstrengt, weil sie eintönig, gleichförmig und langweilig ist. Boreout als kleine Schwester des Burnout, aber nicht minder deprimierend. Deshalb lohnt es sich, täglich ablaufende Gewohnheiten zu erkennen und zu hinterfragen, ob sie mich befreien oder am Boden festketten. Denn sobald Gewohnheiten zu Scheuklappen meines Lebensweges werden und verhindern, dass ich mich weiterentwickele, lösen sie Ängste bei nötigen Veränderungen aus und sind damit destruktive Begleiter. Hier schadet Routine und Mut ist gefragt, Mut neben Neugier und der Bereitschaft, aktiv zu werden, um die Ketten zu sprengen und den Drachen in uns fliegen zu lassen. Vater der Ketten und Mutter der Drachen, zwei, deren Kinder die Wahl haben. Mit dem immer Gleichen auf Essos festzusitzen oder Neues zu wagen und den Eisernen Thron von Westeros im eigenen Leben zu erobern.

Routine kann ein gutes Hilfsmittel dabei sein, Neues auszuprobieren. Kann ich mich auf erlernte und zur Meisterschaft trainierte Fähigkeiten verlassen, vermag ich meine gewohnte Umgebung zu verändern und Neues zu erschaffen, das ohne die Fähigkeiten nicht möglich gewesen wäre. Kombiniere ich beispielsweise den routinierten Umgang am Herd mit kreativen Neuschöpfungen, stehen einem Sterne-Restaurant nur noch Geduld, Engagement und ein bisschen Glück im Weg.

Wann aber wird aus Routine Perfektion? Am besten nie, denn nichts wäre langweiliger und gefährlicher. Perfektion am richtigen Ort, sagen wir mal beim Zusammenbau eines Flugzeuges, kann Leben retten und ist erstrebenswert. Routine dabei aber das Letzte, das sich künftige Passiere wünschen sollten, verführt doch Routine zur Nachlässigkeit, indem sie den Handelnden in trügerischer Sicherheit wiegt. Fokus statt Alltagstrance und selbständiges Denken anstelle automatisiert ablaufender Prozesse machen einwandfreie Ergebnisse möglich. Routine verhindert diese, solange es sich um nicht mehr als das schlafwandlerische Ein- und Ausräumen der Geschirrspülmaschine handelt.

Genieße dein Leben und sorge für möglichst viel Abwechslung. Denn wenn sich erst jeder Tag gleich anfühlt und die Routine das Cockpit deines Lebens übernommen hat, steuert dieses pfeilgrad auf dein Ende zu, ohne dass du die Fahrt genossen hast. Wenn du es versäumst, an einzelnen Haltestellen auszusteigen und dich umzuschauen, wird die Endhaltestelle gleichzeitig auch das Ende deines Lebens sein. Deshalb Blinker rein und abgebogen. Wer weiß, welches Abenteuer hinter der nächsten Ecke auf dich wartet.

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