Wer möchtest du sein?

Auf diese Frage ernte ich meist ein geistesgegenwärtiges „Hä?“, wobei sich die Stimme am Ende der Antwort leicht hebt. Begleitet wird das durch eine in Falten gelegte Stirn und zwei sich aufeinander zu bewegende Augenbrauen. Der Ausdruck völliger Irritation.

Dabei kann niemand die Frage so gut beantworten wie du selbst. Schau in den Spiegel und sage mir: Wer möchtest du sein?

Und doch setzt die gesuchte Antwort früher an, nämlich beim „Wer bist du?“, deiner Identität. Diese steuert dich durch dein aktuelles Leben, lässt dich himmelhoch jauchzen und zu Tode betrübt sein, lässt dich verzweifeln oder die Welt erobern. Deine Identität hat dich an den Ort gebracht, wo du aktuell stehst und wird es weiterhin tun, wenn du diese Reise genießt. Willst du jedoch aussteigen, Fahrrad, Zug oder Flugzeug verlassen oder gar in eine Rakete umsteigen, musst du deine Identität ändern und mir die zum dritten Mal gestellte Frage beantworten: Wer möchtest du sein?

Deine Identität ist wählbar, auch wenn sie genetisch vorgeprägt und durch deine Geschichte ausgestaltet wurde. Sie ist wandelbar, flexibel, vielseitig, je nachdem, was du dir wünschst, wie du gern wärst. Gestalte dein Leben nach Modellen, nach Träumen, Visionen und Zielen. Alles ist möglich, fast wie in deiner Kindheit, wo du heute Ritter, morgen Burgfräulein, Saurier, Feuerwehrmann, Seefahrer und Pirat und Mutter, Vater, Kind in einer Person sein konntest. Wann hat das aufgehört? Nie, nur du hast vergessen, wer du sein möchtest.

Was definiert deine Identität? Werte? Erfahrungen? Charakterzüge oder besondere Stärken? Von allem etwas und all das, was du dich noch nicht getraut hast, weil du es dir nie vorstellen konntest. Aber die Grenzen in deinem Leben setzt du dir selbst. Schließe die Augen, atme tief ein und entspannt aus. Stell dir vor, du stehst vor einem Schrank, in dem wie einst deine Hemden nun Persönlichkeiten hängen. So viele du willst in allen dir vorstellbaren Farben, Formen, Größen und Gestalten. Zieh sie dir an, eine nach der anderen und spüre, wie sich dein Leben ändert, kaum dass du eine neue Identität anprobiert hast.

Nicht Hochstapelei ist das Ziel, sondern Freiheit. Freiheit, wählen zu können. Wählen, wer du gern wärst und welches Leben du gern hättest. Sage nicht, es gäbe keine Gründe für diesen Wunsch. Schau dich in deinem Leben um und finde Gründe, wieso du dieses Wunschleben verdient hast. Wo warst du einmal erfolgreich, wann verliebt? Welche Ideen trägst du lang schon mit dir herum und welche Menschen haben dir gesagt, was für ein wertvoller Typ du bist. Notiere dir all die versteckten und offenen Hinweise auf deine Wunschidentität. Forsche, grabe, schürfe und lege Schicht für Schicht deiner Persönlichkeit frei, ähnlich einem Archäologen, der statt auf einen alten Knochen auf Öl stößt und damit sein ganzes Leben ändert. Es bedarf nur eines winzigen Details, das dich schon heute mit deinem Wunsch-Ich von morgen verbindet, und du wirst ein anderer Mensch sein.

Du möchtest selbstbewusst, klug, schön, beliebt, kreativ und einfühlsam sein? Woran würdest du den Identitätswechsel erkennen, wenn du morgen früh in deinem neuen Ich aufwachst? Mit der Antwort im Kopf kannst du dich beruhigt schlafen legen. Den Rest erledigt deine Persönlichkeit selbst, indem sie sich im imaginären Schrank deiner Identitätsmuster das für dich passende Modell aussucht. Du musst es dir nur wünschen.

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