Mangel schafft Nachfrage.

Ein ehernes Gesetz im Wirtschaft- und Kunstbetrieb, selbst der Organhandel profitiert davon. Aber gilt das auch für die Liebe? Sind Menschen, die sich uns entziehen, liebeswerter? Ziehen uns deren Geheimnisse an und hieße das im Umkehrschluss, dass uns Zuneigung, Offenheit und Präsenz davon treiben?

Kaum vorstellbar und doch erlebe ich oft Machtverhältnis innerhalb von Beziehungen, die genauso funktionieren oder eben gerade nicht mehr, da einer von beiden den Mangel erzeugt und bei dem anderen Nachfrage weckt, ohne davon profitieren zu wollen.

Was ich meine? Naja, einer liebt den anderen weniger, das Gleichgewicht der Gefühle ist gestört und die Wippe, auf der die Partnerschaft austariert in der Waage stand, neigt sich bedenklich zu einer Seite. Das Machtverhältnis gegenseitiger Unsicherheit ist aus dem Takt, wenn ein Partner den anderen auf ein Podest stellt, aus Angst, von genau diesem Idol verlassen zu werden. Achtung Spoiler: Genau das wird er, aber dazu kommen wir gleich.

Der Wunsch eines Partners nach mehr Individualität, Zeit für sich, nach weniger Wir, entzieht dem anderen genau die Basis, für die er sein Herz verschenkt hat: Liebe zu zweit. Mangel wird spürbar und das Verlangen, diesen auszugleichen, wächst. Am besten mit noch mehr Herz, Nähe und dem Beweis, dass es nur zu zweit so richtig schön ist. Code Red für die Beziehung und Grund genug, für den Flüchtenden, sich allmählich nach einer eigenen Wohnung umzusehen.

Der Kreislauf der Missverständnisse dreht sich schneller und die Erosion wird sichtbar. Die Einschläge kommen näher, Streitthemen ploppen in zunehmender Folge auf, Vorwürfe ersetzen die Komplimente von einst und die Nerven liegen blank. Die Beziehungshölle hat einen Namen: Realität nach neun Monaten hormonellen Höhenrausches. Verliebtheit vergeht, ohne dass automatisch Liebe übrigbleibt. Ohnmacht statt Vernunft verführt zu dem rasenden Bedürfnis, dem weichenden Partner die Hand zu reichen, ihn möglichst oft und nah an sich zu ziehen, damit er gar keine Chance zum Weichen hat. Und funktioniert das? Selten, denn tatsächlich fehlt beiden die Luft zum Atmen, dem Weichenden aus Beklemmung, dem Klammernden aus Panik.

Was übrig bleibt ist Mangel, den der Gehende nicht mehr in der Beziehung gefüllt sieht und der Zurückgelassene im plötzlichen Alleinsein erlebt. Grund dafür ist auch, dass der andere niemals unsere Lücken füllen kann, dafür sind wir allein zuständig. Wer sein Glück nur im WIR erlebt, dem fehlt es am ICH und überfordert das DU seines Partners.

Deshalb beide Füße auf die Bremse und das Steuer festhalten. Nicht jeder, der sich rar macht, will weichen und nicht jeder, der Nähe sucht, klammert. Einzig an der Kommunikation krankt das, was wir Beziehung nennen. Und lässt sich das lösen? Ja, wenn man akzeptiert, dass viele der Gemeinsamkeiten der Kennenlernphase auf die wahren Unterschiede des Partners treffen und aus einst coolen Männern verunsicherte Einzelgänger und aus erotisch verschmusten Mädels unsichere Klammeräffchen werden. Oder umgekehrt. Beider Sprache der Liebe erinnert sich ihrer Dialekte und ein Neubeginn erscheint dringend angezeigt.

Einander zu vertrauen, dass die Gefühle vorangegangener Tage echt waren und nicht einiger Streitpunkte wegen verschwunden sind, gibt Luft zum Atmen und Zeit, den anderen loszulassen, um ihn zu halten und sich in der Zeit um sich selbst und die eigene Anziehung zu kümmern. Der Fliehende hingegen kann vom Podest heruntersteigen und sich wundern, dass die anstrengenden Liebesbekundungen seines Expartners nun selbst zur Mangelware werden.

Dann bedürfen wir des Partners nicht mehr aus einem Mangel heraus bzw. lösen die Verbindung eines Mangels wegen auf, sondern entsinnen uns unserer früheren Faszination, die noch immer existiert, im echten Wesen des anderen auf Augenhöhe.

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