Aufbruch aus dem Tal der Angst


Am Fuße der Angst wirkt der Berg der Überwindung wie ein unüberwindbares Massiv, eine Unendlichkeit aus Granit, die oberhalb der rauen Todeszone in einem Meer aus Wolken, Sturm und Eis dem Blick entrückt.

Unerreichbar für den Zögernden im Basislager, ein Unterfangen für Lebensmüde. Schon beim Gedanken an den mühevollen Aufstieg bleibt die Luft weg, Schmerzen lassen jeden Schritt zur Qual werden, fordern die letzten Reserven.

Und doch wagt es einer, schultert all das, was er zum Überleben braucht und setzt den ersten Schritt auf den Berg der Angst zu, noch einen und zwei weitere. Dann der sorgenvolle Blick nach oben. Luft holen. Einatmen, ausatmen. Weißer Rauch zeigt die Grade unter Null.

Die nächsten Schritte, die Zelte des Basislagers verschwinden allmählich im Bodennebel des kalten Morgens, die aufgehende Sonne lässt sich den Berg der Angst scharf gegen das bleiernde Blau der Nacht abzeichnen. Fast eine Meile ist geschafft, dem Massiv entgegen.

Aus Angst ist Furcht geworden, Furcht und Respekt. Die Furcht treibt an, überwindet die Lähmung der Angst und Respekt lässt den Mutigen achtsam den Berg der Angst erklimmen, Meter für Meter, Schritt für Schritt.

Rast. Ressourcen auffüllen und die Aussicht genießen. Das Basislager liegt weit unterhalb des schmalen Aufstiegs, hinter scharfkantigen Felsen und meterhohem Geröll. Wind kommt auf und lässt den Mutigen Deckung hinter einem Felsvorsprung suchen. Noch ein Blick in den gerade noch unendlich scheinenden Anstieg. Da blitzt zum ersten Mal zwischen dichten Wolkenbahnen die Bergspitze hervor. Energie.

Die Lebensgeister geweckt, wirken Rucksack und Muskelschmerz leichter, die Atmung wird gleichmäßiger und die Schrittlängen konstant. Immer wieder bleibt der Mutige kurz stehen, schaut sich um, holt tief Luft und genießt den Blick über die weißen Gipfel zahlloser Berge, von denen bereits erste unterhalb seines aktuellen Standortes liegen.

Die lähmende Todesangst im Basislager ist zum vertrauten Begleiter geworden, kein Freund, aber ein guter Bekannter. Einer, der den Weg kennt, vor Gletscherspalten warnt und Brücken baut, wo der Weg zwischen zwei Felsvorsprüngen abgebrochen ist. Eine letzte Rast.

Am nächsten Morgen und Kilometer oberhalb des Basislagers nimmt die Angst Abschied. Sie wird hier warten, falls sich der Aufstieg am heutigen Tag nicht empfiehlt, die Winde zu rau, die Wege zu vereist sind. Sie wird dem Mutigen hinterhersehen, an die gemeinsame Zeit zurückdenken und später ins Basislager hinabsteigen, dem nächsten Gipfelstürme die Hand reichen.

Der Mutige indes setzt seinen Weg fort. Meter für Meter, dem nun deutlich sichtbaren Gipfel entgegen, tapfer dem Sturm am Berg entgegengelehnt. Die Reserven schwinden, aber die Kraft ist da. Der Weg wird schmal, man kann die Füße nur noch voreinander setzen. Rechts und links fällt der Berg ab, der Blick geht weit hinab ins Tal, Abgründe bleiben hinter dem Mutigen zurück.

Die warme Daunenjacke um den von Entbehrungen gezeichneten Leib geschlungen trotzt der Mutige den letzten Versuchen des Angstberges, ihn vom Aufstieg abzuhalten. Stellt sich den Dämonen am Gipfel, den hohlen Stimmen, die aus dem Nebel des ewigen Eises auf ihn einreden, ihn ängstigen und warnen weiterzugehen. Sein Leben, seine Gesundheit seien in Gefahr. Alles, was ihn im Tal gehalten hat, könnte Vergangenheit sein.

Das sind die Worte, die dem Mutigen ein letztes Mal Energie geben und ihn in seinem kraftvollen Aufstieg bestärken. Die Vergangenheit im Tal lassen zu können, um die hinter dem unlängst noch unüberwindbaren Massiv seiner Angst liegenden Wege zu entdecken, zieht ihn an. Lässt ihn die Eiskristalle auf seinem Gesicht, die steifgefrorenen Hände und Gliedmaßen vergessen. Vergessen sind auch die Alpträume vor dem Aufstieg, der Gipfel ist erklommen, die Angst bezwungen und die Aussicht vom Dach der Welt unbeschreiblich.

Dann geht der Weg hinab, in ein anderes Tal, ein anderes Basislager, auf einen neuen Berg zu.

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