Der Kreisverkehr zum Glück

Wie schlau all diese Selbstoptimierungsempfehlungen immer klingen. Einfach sich selbst lieben, weniger vergleichen, keine Erwartungen mehr haben und aufhören, sich zu ärgern und schwupps läuft das Leben wie auf Schienen, mitten hinein in Erfolg, Glück und immerwährende Orgasmen. Schön wär‘s und doch bleibt eines auf der Strecke, das WIE. Wie hört man denn auf, nicht mehr zu vergleichen oder gar sich nicht mehr zu ärgern? Ist Ärger wirklich so falsch und was soll es helfen, keine Erwartungen mehr zu haben. Ist das Leben dann nicht sinnlos?

Das Leben ist ohne Sinn sinnlos und dieser Sinn ist es auch, der dem Leben eine Richtung gibt, ein Wofür, das – wenn anziehend – jedes Wie ertragen lässt. Dabei geht es mir gar nicht darum, ein Leben erträglich zu gestalten, sondern leichter und freier von der Last falscher Selbstverantwortung, falscher Selbsterwartungen, hin zu faireren Selbstvergleichen.

Denn sich zu vergleichen ist nicht per se schlecht. Vielmehr entscheidet die Frage, wofür und mit wem ich mich vergleiche und was es mir bringt. Mein eigenes, unerfülltes Leben damit aufzuwerten, des anderen Tragik als Maßstab zu sehen, füllt nicht lange den Raum mit Licht. Ebenso wenig, mich gegenüber Menschen abzuwerten, die vermeintlich perfekt sind, ihr Leben optimal leben und all das haben, wovon ich träume. Hier fehlt der Blick hinter die Kulissen, hinter all die Mühen, die diesem Leben voraus gingen oder die Ressourcen, die mir schlicht nie zur Verfügung standen, womit der Vergleich zu meinen Lasten geht. Die einzige Person, an der ich mich messen und vergleichen kann, bist ich selbst, meine Entwicklung. Doch auch da bleibt Fairness das Gebot der Stunde. Ziehe deinen Selbstvergleich aus Parametern, die vergleichbar sind. Jugend und Alter, Verliebtsein und partnerschaftlicher Alltag, Idealismus und Realismus erfordern unterschiedliche Betrachtungen und sind im Kontext des aktuellen Lebens zu sehen. Der Grad deiner Zufriedenheit mit dem, was du im Leben erreicht hast, mag dir Ansporn sein, alles andere ist eine Kette an deinem Fuß.

Doch was genau erwarte ich von meinem Leben? Wir arm wäre ein Leben ohne Erwartungen, so sich dahinter Wünsche, Träume und Ziele verstecken. Erwarte ich aber im Außen die Lösung meiner Probleme, vom anderen, dass er oder sie mich glücklich macht, oder vom Schicksal, dass es mir den Himmel auf Erden schenkt, gebe ich nicht nur jede Verantwortung ab, sondern kann nur enttäuscht werden. Ohne das Gefühl, selbst für das, was ich tue, verantwortlich = selbstwirksam zu sein, verkommt mein Leben zum Spielball der Elemente, fühle ich mich ausgeliefert und unfrei. Gebe ich Situationen die Macht, einem Münzwurf gleich, über mein Glücksgefühl bestimmen zu dürfen, liegt mein Lebensglück bei höchstens der Hälfte dessen, was möglich wäre. Das ist reine Statistik. Gebe ich zudem anderen Menschen die Macht, über den Wert meines Lebens zu bestimmen, indem ich von ihnen erwarte, dass sie mein Leben wertvoller machen, bedarf es einer hohen Gegenleistung, diese dazu zu motivieren. Energie, die du leichter in dich und dein Wofür im Leben investierst, unabhängig vom Einfluss anderer.

Dann bist auch du weniger vom Urteil anderer abhängig, ziehst dein Selbstwert weniger aus deren Bewertung und schätzt dich selbst wertvoller, weil du es warst, der oder die dich dahin gebracht hat, wo du heute stehst. Erlebst du dich aber in diesem Prozess eigener Entwicklung und kennst die oft mühesamen Schritt auf diesem nicht selten steilen Weg, bist du auch großzügiger und geduldiger anderen gegenüber. Das schafft Verbindungen, die dir Ressource sein können, frei von Vergleichen oder Erwartungen. Stattdessen bleibst du in der Position des Beobachters und vermeidest die Abwertung anderer, die mehr über dich als die anderen aussagt.

Dann nehmen auch die Gründe ab, sich zu ärgern. Das heißt auch, den Umständen weniger Macht zu geben, dich klein und unbedeutend zu fühlen, zu glauben, du seist dem Schicksal ohnmächtig ausgeliefert. Ärger ist die bloße Bewertung einer Situation, die in der Vergangenheit liegt und damit unangreifbar ist. Hier Energie in ein so unproduktives Gefühl zu verschwenden, ändert nichts am Grund des Ärgerns. Vielmehr hast du die Macht, die Situation anzunehmen und sie als das zu bewerten, was sie ist, eine Erfahrung, ein Grund, künftig in ähnlichen Umständen anders zu reagieren und damit dem Wie glücklich zu bleiben eine Option mehr anzubieten. Ärger ist Ausdruck innerer Ablehnung und damit Motor zu verändertem Handeln. Wie du über eine Situation denkst, bestimmt dein Gefühl und das wiederum definiert dein Handeln. Ändere dein Denken und aus Ärger kann Freude werden. Das ist der Kreisverkehr des Glücks. Versuchst du zusätzlich noch, des anderen Handlung, über du dich gerade noch geärgert hast, verstehen zu wollen, dessen Bedürfnisse zu sehen und zu erleben, dass all das nichts mit dir zu tun hat, entfällt auch jeder Grund für Ärger.

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