Paradox der Liebe

Gerade noch schaut ihr euch verzückt in die Augen, da beginnen dich seine lauten Schluckgeräusche oder ihr ewiges „Ach Schatz, einen Moment noch. Ich brauche noch einen Schal.“ zu nerven. Wo gestern noch Blumen für sie standen, liegen heute seine Socken auf dem Wohnzimmertisch oder stolpert er über Yogamatten im Flur, wo vor ihrem Einzug noch seine Motorradboots standen. Motorradfahren hat sie ihm längst untersagt.

Ja die Liebe ist schon ein merkwürdiges Ding, so man sie mit dem Verliebtsein verwechselt. Nichts anderes hatte die Natur im Sinn, als sie in den ersten Monaten der Reproduktionsphase den Verstand aus und die Hormone angeschaltet hat. Endet diese Phase, mit oder ohne Reproduktionsergebnis, bleiben nur die wirklich Wahnsinnigen zusammen, nämlich die, die einander verdient haben. Das nennt sich dann Liebe. Für die anderen bleibt die Hoffnung, dass wenigstens der nächste Partner der Richtige sei oder aber die Aufgabe, aneinander zu wachsen und unter Liebe das zu verstehen, was es eigentlich ist, nämlich ein Tun. Liebe kommt von lieben und entsprechend anspruchsvoll ist die Tätigkeit, wenn diese im Ergebnis zu dem Gefühl führen soll, das wir Liebe nennen. Doch wieso ist das so?

Es geht um Macht. Es geht immer um Macht, aber wer das nicht erkennt, dem bleibt oft nur die Ohnmacht im Umgang mit dem Partner. Warum wohl verfiel sie ihm beim ersten Blick und fand er sie attraktiv? Wohl kaum, weil sie ineinander das Spiegelbild des anderen sahen, eher weil sie im anderen all das erfüllt fanden, was im eigenen Leben fehlt. Wer schüchtern ist, bewundert das Verwegene. Wer dumm ist, staunt über das Schlaue. Wer ernst ist, lässt sich gern erheitern.

Ja so ist das, wenn sich Unterschiede anziehen und nach Ablauf der Reproduktionsphase einander erkennen. Dann wird die liebgewonnene Marotte schnell zum nervigen Detail und dem Wunsch, das Trauerspiel möglichst bald zu beenden. Oft jedoch geschieht das nicht gleichzeitig. Dann wäre eine Trennung ja leicht. Nein, einer der beiden liebt immer noch, während der andere längst mit den Gedanken im Leben eines anderen ist. Hier beginnt das eigentliche Drama.

Das Drama der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Wo der eine bereits wieder der Freiheit entgegenstrebt, spürt der andere plötzlich das emotionale Vakuum. Anziehung tritt ein, leider nur beim Verlassenen, das ist reine Physik. Das erzeugt Druck beim Gehenden und damit – auch hier reine Physik – Gegendruck. Klammern führt eben nicht zur Nähe, sondern dem Gegenteil, der Flucht. Das Machtgleichgewicht des einstigen Hormonrausches ist aus den Fugen geraten und ändert den jeweiligen Attraktivitätslevel. Der Gehende erstrahlt auf einem Podest, während der Zurückgewiesene am Boden liegt und Unrat nicht unähnlich ignoriert wird. Abstand würde helfen, doch die Kraft hierfür hat nur der, der eh weg will und das hilft der Beziehung nicht.

Deshalb schaut auf euch und die Anzeichen schwindender Zuwendung. Holt euch rechtzeitig Hilfe und lernt die Liebes-Sprache des anderen. Beziehung ist kein Schulfach und folgt keinem genetischen Programm. Beziehung ist Arbeit und Liebe ein Verb. Scheut nicht die Mühe, wenn ihr es euch wert seid und sprecht miteinander, denn über Worte und Taten erreicht ihr das Herz des anderen. Eines ohne das andere ist oft wenig wert. Fühlt euch ein und respektiert die Unterschiede des anderen. Wenn nur Abstand Nähe möglich macht, dann trennt euch räumlich, um emotional zusammenzufinden. Jeder Mensch ist individuell und kein Mensch ist für dein Glück verantwortlich, zuständig zum Füllen deiner Defizite. Genauso wenig steht einer von beiden auf einem Podest, außer er oder sie reicht dir die Hand, dich hinaufzuziehen. Der Lohn all dessen ist im Leben anzukommen, in Liebe gestärkt und Harmonie zuhause zu sein. Entscheide dich zu lieben, denn Liebe ist das einzige, das sich vermehrt, wenn du es teilst.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.