Mind the Gap

Was ist eigentlich das mächtigste Wort der Welt?

Glück, Macht, Liebe oder Geld?

Tatsächlich ist es die Winzigkeit „Ach“.

Ach? Ach was, total bekloppt, wird jetzt mancher denken und damit bereits den Beweis angetreten haben, dass zwischen Reiz und Reaktion eine Lücke liegen kann. In diese Lücke passen mindestens drei Buchstaben, die uns daran hindern könnten, erst zu schießen und dann zu fragen, was der andere eigentlich sagen wollte.

Bei den meisten liegt zwischen Reiz und Reaktion kaum ein Wimpernschlag und wir haben unser Gegenüber zusammen mit dem Rest unserer Vorurteile kategorisiert und in die entsprechende Schublade entsorgt. Das nennt sich bewerten und ist überlebensnotwendig, denn das Hirn denkt und speichern in Bildern, die wiederum einer endlichen Menge an Kategorien zugeordnet sind. Trifft ein solches Bild, eine neue Erfahrung oder ein beliebiges Gespräch auf unsere Sinne, sucht das Hirn nach der passenden Kategorie und räumt auf. Das geht in kaum messbaren Zeiteinheiten und führt uns nicht selten in höchst unschöne und manchmal lebensbedrohliche Situationen, denn die Reize der Neuzeit sind andere als zu Zeiten der Säbelzahntiger.

Heute kann eine spontane Reaktion auf einen Reiz leicht zu fehlender Brieftasche und Kieferbruch führen, wenn ich im falschen Augenblick den Helden spiele und auf ein „Hey Opfer, isch mach disch Messer“ mit „Komm doch“ reagiere. Oder der impulsive Tritt gegen den Poller, an dem mein Auto gerade unfreiwillig gebremst wurde, lässt mich ahnen, was mit dem Spruch „der Klügere gibt nach“ gemeint sein könnte.

Impulskontrolle und situative Aufmerksamkeit als nur zwei Bestandteile des kleinen Wörtchens „ach“ ließen uns in vielen Momenten des täglichen Lebens folgenloser auf Reize unserer Umwelt antworten. Denn wer es versteht, die kleine Lücke zwischen Stimulus und Respons zu vergrößern und sich damit Zeit zu verschaffen, über seine Reaktion nachzudenken und die Folgen abzuwägen, lebt harmonischer.

Die Hochsensiblen-Fraktion unter uns nennt das Achtsamkeit oder neudeutsch Mindfullness. Alles der gleiche Kram, in dessen Mittelpunkt das Bestreben steht, nur wahrzunehmen ohne zu bewerten. Wie in Situationen, in denen du einen plötzlichen Widerstand spürst und sich dein innerer Kriegsminister auf Kampf einstellt. Bergen doch Ereignisse, die von dem sonst Üblichen abweichen und dich herausfordern, das Potenzial für Konflikte und könnten durch einen kurzen Moment des Innehaltens im Hier und Jetzt und sich Sagens: Hmm, interessant, was will mir mein Gegenüber damit wohl sagen?, entschärft werden. Doch kein normaler Mensch hat im größten Stressmoment Zeit, Lust und Nerven, sich diesen Satz vorzusagen und verfällt leicht in die zerstörerische Impulsivität des Gereizten. Deshalb empfehle ich im Moment des Hochkochens von Emotionen lediglich kurz „Ach“ zu denken und sich damit der Entscheidungslücke bewusst zu werden.

In diese Lücke mögt ihr dann all eure gute Kinderstube, eure Selbsterhaltungskräfte oder das bisschen Verstand packen, das euch überleben hilft, und sei es nur, dem ersten Date mehr zuzuhören als selbst zu reden. Dann klappt’s auch mit dem Abschiedskuss.

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